Evolutionsbiologisch gesehen, ist das Phänomen homosexuelles Verhalten keine Selbstverständlichkeit, aufgrund des eindeutigen Selektionsnachteils. Doch ist die populärwissenschaftliche Darstellung der biologischen Evolution oft zu oberflächlich um viele Phänomene der Natur zu erklären.
Darum suchen Wissenschaftler komplexere Modelle um die Genese der Homosexualität zu verstehen. In der "Ursachenforschung" der Homosexualität gibt es zwei Hauptströmungen, die sich nicht gegenseitig ausschließen, doch eine unterschiedlichen Schwerpunkt aufweisen.
Die einen finden eine
biologisch-genetische Erklärung am Plausibelsten. Zwillingsforscher
Michael Bailey behauptet, dass die „Suche nach angeborenen Ursachen einen stetigen Zuwachs an Evidenzen [zeigt].“ (Atkinson, Einführung in die Psychologie, 378).
Dagegen messen andere eine
entwicklungspsychologische Erklärung eine höhere Plausibilität zu. Etwa
Daryl Bem schätzt den Einfluss der Umwelt viel höher ein als den Einfluss der Gene. Seine
exotic becomes erotic-Theorie
liefert eine Erklärung sowohl für das Überwiegen von Heterosexualität als auch für das Vorkommen von Homosexualität in der Gesellschaft: Homosexualität sei Folge einer „ausbleibenden Geschlechtskonformität“ in der Kindheit (Atkinson, Einführung in die Psychologie, 378). Die EBE-Theorie behauptet, dass das, was uns in der Kindheit Verachtung bzw. Besorgnis bereite (d.h. das uns fremde Geschlecht), in späteren Jahren erotisch anziehend wirke.
Beide Strömungen der Forschung widerspiegeln eine generelle Differenzierung innerhalb der Wissenschaft als Ganzes, die bei vielen Phänomenen entweder der Umwelt oder den Genen eine höhere Bedeutung zumessen. In der Tat sind beide Ursachen nicht voneinander zu trennen - genetische Unterschiede bedingen psychosoziale Entwicklung. Das „Anders-Sein“ im Vergleich zur Umwelt wird durchaus von genetischen und hormonellen Faktoren beeinflusst, da Temperament und Persönlichkeit(selbst zum Teil genetisch bedingt) die Aktivitätspräferenzen bestimmen, die ein Kind „nicht-konform“ machen können. Ein Mädchen ist etwa für andere Mädchen „nicht-konform“ wenn sie die für ihre Kultur typischen Jungen-Aktivitäten immer wieder bevorzugt.
Francis Collins fasst zusammen, dass sexuelle Orientierung in diesem Sinne „genetisch beeinflusst" sei, "aber nicht durch die DNA programmiert“ sei (Gott und die Gene, 212).
Es versteht sich von selbst, dass in einer Situation, wo renommierte Wissenschaftler uneinig sind über die genaue wissenschaftlich wahrnehmbare Ursachen der Homosexualität, dass es unredlich ist, sich dogmatisch über die Ursachen zu äußern. Gerade deswegen bedarf es der
Wissenschaftsfreiheit, dieses naturwissenschaftliches Phänomen zu verstehen.
Bei diesem eher trocken-sachlichen Beitrag ist es vonnöten, eine ganz andere Perspektive Raum zu geben. Wer mag es, wenn über einem in der 3. Person geredet wird? Welchem heterosexuellen Paar gefällt es, eine psychosoziologische oder biologische Erklärung ihrer Ehe zuzuhören?
Es ist m.E. nötig, die persönliche Perspektive nicht auszublenden. Wie erfahren Menschen, die sich als homosexuell bezeichnen, ihre Homosexualität? Was für eine Rolle hat es in ihrem Leben gespielt? Empfinden sie ein Wunsch nach Veränderung? Oder empfinden sie Freude darüber, dass es so ist, wie es ist? Hier bedarf es auch die
Meinungsfreiheit, eine Pluralität an Erfahrungen zuzulassen und keine von den anders Empfindenden
zum Schweigen zu bringen.
In diesem Sinne, während ich mich von allen fundamentalistischen, lieblosen, menschenverachtenden Positionen distanziere, die bedauerlicheweise auch von sogenannten Christen zu hören gewesen waren bzw. sind, möchte ich für das Zulassen des
APS-Kongress plädieren, um der Wissenschaftsfreiheit willen aber vor allen um der Menschen willen - weil die Erfahrung des Einzelnen zugelassen werden muss.